Carrie und ich, seit 2001

c-print, Diasec, jeweils 125 x 165 cm




c-print, Diasec, jeweils 50 x 70 cm



                                                           

Carrie und Ich, oder von Mädchen, Kindern, Bildern, Wahrnehmung und Erinnerung: Neuere Photographien von Katharina Mayer

         

             

                      

„Erscheinungen sind in sich vieldeutig, haben mehrere Bedeutungen. Darum ist das Visuelle so erstaunlich, ist das Gedächtnis, das auf dem Visuellen beruht, freier als der Verstand.“ (John Berger und Jean Mohr „Eine andere Art zu erzählen“)

                                

In einem Text über ihre seit 2001 entstehende Werkgruppe „Carrie und Ich“ beschreibt Katharina Mayer den Anlass zu dieser neueren Porträtreihe innerhalb ihrer photographischen Arbeit in einem Gemälde des Präraffaeliten John Everett Millais mit dem Titel „Das blinde Mädchen“ und einer Photographie von August Sander mit der Darstellung zweier blinder Mädchen gefunden zu haben.

Die seit dem entstandenen Porträt-Bilder zeigen in unterschiedlichen Bildformaten malerisch ausdrucksstarke und gleichzeitig klar dokumentierende Photographien von Carrie, einem zart-blassen, schwarzhaarigen Mädchen, das dem Betrachter eindringlich elegisch entgegen blickt. Sie ist mit einem Löwenzahnblütenkranz bekrönt und einem dunkelblau grundigen Blümchenkleid mit Matrosenüberwurf bekleidet und scheint in einem Garten in der Erde zu versinken, oder der Erde zu entsteigen. Carries Blick suggeriert um andere Wahrheiten zu wissen, als jene die man im alltäglichen Strudel moderner Lebenserfahrung zu sehen gewohnt ist. Ihr Name wird zum Bedeutungsträger und führt den Betrachter in eine andere Wahrnehmungswelt, in der man sich an Alice im Wunderland erinnert, die dem Kaninchen in ein Erdloch folgt, um in eine Märchenwelt zu gelangen, in der die Verhältnismäßigkeit der Dinge aus rationalen Erklärungsmustern enthoben erscheint. Diese märchenhafte Stimmung findet sich auch bei anderen Porträts dieser Bildreihe wieder. Sie zeigen neben Carrie einen dem Betrachter abgwandten Jungen mit dem gleichen Matrosenüberwurf, den Carrie trug oder – nun in direkter Ansicht - mit einem Fell in der Hand, das er dem Betrachter entgegenstreckt. Eine andere Arbeit dieser Serie zeigt Carrie umgeben von zwei Mädchen, die fest auf der Erde stehen und deren Köpfe man nicht sieht. Sie tragen im Gegensatz zu Carrie – und darin deutet sich der Gegenentwurf für die menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten, die Carrie traumwandlerisch vermittelt ebenso an, wie durch die Standfestigkeit und die langen blonden Zöpfen der beiden anderen Mädchen - graphisch akzentuierte Kleider. Ebenso wie das Blümchenkleid und der Matrosenüberwurf von Carrie vermeiden diese Inszenierungsdetails als formale Entscheidung im bildnerischen Prozess der Künstlerin den Bezug zu aktueller Mode als sozialgeschichtlich direktem Zeitbezug und offensichtlich möglichem Aspekt der Porträtdeutung. Vielmehr verhindert es die surreale Gestimmtheit der Szene, Fragen der persönlichen und historischen Identität von Carrie aufschlüsseln zu wollen. Das Mädchen wird mehr zur Bildmetapher über komplexere Möglichkeiten der Selbst-Wahrnehmung, die beim Betrachter angeregt wird und in atmosphärischer Dichte bildnerisch Vielschichtiges mit den Möglichkeiten symbolischer Assoziation verbinden lässt. 

Neben den Carrie Bildern beinhaltet die Werkgruppe Porträtinszenierungen von Kindern in Gärten und Wäldern, Aufnahmen von blinden Kindern auf einer Wiese und großformatige Farbphotographien, die das Gemälde Millais aus dem 19.Jahrhundert zitieren, indem sie ein Mädchen zeigen, das mit heller Kopfbedeckung in einem herbstlichen Garten mit einem Quittenkorb sitzt und mit verschlossenen Augen eine Quitte in der Hand hält, die sie intensiv befühlt. In anderen Photographien wirft sie Herbstblätter in die Luft und erlebt ihre Umgebung als blindes Mädchen ohne sehen zu können in für sie eigenen Qualitäten.

Im menschlichen Gegenüber regt das Genre des Porträts vor allem zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst an, initiieren Porträtbilder Reflexionen über Selbstwahrnehmung und über Facetten der Persönlichkeit einschließlich deren sozialgeschichtlicher und historischer Bindung.

Aspekte, die auch bei früheren Porträtthemen im Werk Katharina Mayers mit unterschiedlichen Formalisierungs- und Abstraktionsmöglichkeiten bildnerisch ausgelotet wurden. 

So leiten in dem Projektzyklus „Carrie und Ich“ die Motive von Kindern- und Jugendlichen und die Serie der Porträts blinder Kinder in ein offenes Terrain der Selbstwahrnehmung und Erinnerung und sensibilisieren die Möglichkeiten unterschiedlicher Realitätsebenen, die in der Welt der Kindheit und in der Wahrnehmung von Blinden besondere Qualitäten haben. 

Anders als beispielsweise die niederländische Photokünstlerin Rineke Dijkstra vermeidet Katharina Mayer bei ihren Porträtinszenierungen von Jugendlichen einen vordergründig sozialgeschichtlich determinierten Ansatz und akzentuiert in den Umgebungen jahreszeitlich geprägter Natur einen eher überzeitlich sensitiven Wahrnehmungszusammenhang. Dies gilt auch für eine Arbeit der Werkgruppe, die ein Mädchen mit langen Haaren vor urbaner Architekturkulisse im Wasser watend zeigt. Ein Motiv, das wieder an Bilder der Präraffaeliten denken lässt, die im viktorianischen 19.Jahrhundert „eine seelische Vertiefung der Kunst, eine ‚kindliche Rückbesinnung des Künstlers auf die Natur‘ und eine klare Vereinfachung der Komposition forderten“. *

Wie bei dieser Malergruppe erscheint die Natur in der Werkgruppe „Carrie und Ich“ als symbolischer und überzeitlicher Hintergrund, vor dem Carrie, die blinden Kinder und anderen Jugendlichen im Kontext der bildnerischen Inszenierung Katharina Mayers eine individuelle Wahrnehmungstiefe und auratische Ausstrahlung besitzen.

Barbara Hofmann

* zitiert aus DuMont’s Künstlerlexikon, Köln 1991 und 1997, S.520

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